Seelenritt zurück zu mir

Seelenritt zurück zu mir

Es gab keinen großen Knall, keinen dramatischen Wendepunkt, nicht DIE EINE Entscheidung, die plötzlich alles veränderte.
Mein Leben hat sich nicht in einem Moment gedreht, sondern in vielen kleinen.
In leisen Augenblicken, die ich erst später verstanden habe.
In winzigen Rissen, durch die nach und nach Licht fiel.
In all den Tagen, an denen ich spürte, dass etwas nicht mehr passte, auch wenn ich es mir noch nicht eingestehen konnte.

Es waren die Zeichen meines Körpers,
die Müdigkeit, die stärker wurde,
die Gedanken, die schwerer wurden,
die Unruhe, die meinem Kopf keine Pause mehr gab,
und das Gefühl, dass ich irgendwo auf meinem Weg zu weit von mir selbst weggegangen war.

»Geh Du vor«, sagte die Seele zum Körper,
»auf mich hört er nicht. Vielleicht hört er auf Dich.«
»Ich werde krank werden, dann wird er Zeit für Dich haben«, sagte der Körper zur Seele.
© Ulrich Schaffer (*1942), Fotograf und Schriftsteller

Mein Weg, auf dem ich mich befand, machte mich krank. Also blieb ich stehen. Nicht freiwillig. Ganz im Gegenteil. Die Krankheit zwang mich zum Stillstand.
Jahrelang habe ich mich gefragt, warum ausgerechnet ich eine psychische Erkrankung davontrug. Heute weiß ich, dass sie mir wie ein stiller Ratgeber die Sachen in meinem Leben zeigt, die ich hinterfragen sollte. Die Krankheit war mein Sprachrohr, weil ich selbst zu lange nicht hingesehen habe.

Die Müdigkeit bekam Worte.
Die Unruhe bekam einen Ursprung.
Und das Gefühl, verloren gegangen zu sein, zeigte mir leise den Weg zurück.

Ich begann Fragen zu stellen.
Was brauche ich wirklich?
Was trägt mich – was zieht mir Energie?
Welche Erwartungen erfülle ich – und welche davon gehören gar nicht mir?

Es war kein einfacher Prozess. Mittlerweile sind mehr als fünf Jahre vergangen, seit ich -nett ausgedrückt- dazu angeregt wurde, mein Leben zu überdenken.

Als Kind schon verschwand ich immer wieder in den Welten der Bücher und bei meinem Pony. Dort konnte ich tief abtauchen, alles um mich herum verstummen lassen und für einen Moment vergessen, was schwer war.
Heute bin ich meinen Eltern unendlich dankbar dafür, das sie mir all die Bücher schenkten und dass ich das Privileg hatte, ein eigenes Pony im Garten zu haben. Beides schätze ich heute mehr denn je.
Denn auch als Erwachsene waren es wieder die Bücher und die Pferde, die mich auffingen, wenn ich strauchelte.
Ich begann selbst zu schreiben. Erst zögerlich, wie jemand, der eine Sprache neu lernt, die er eigentlich schon immer gesprochen hat. Die Worte kamen leise zurück, setzten sich zu Sätzen, die mir halfen, mich selbst zu verstehen. Schreiben wurde mein innerer Kompass – ein Ort, an dem ich mich nicht verstellen musste, ein Raum, in dem ich wieder atmen konnte.

Genau deshalb heißt dieser Blog federwärts: weil jedes Wort, das ich zu Papier bringe, mich ein Stück weiterträgt. Mit der Leichtigkeit einer Feder, die sich von der inneren Stimme führen lässt. Leichtigkeit, die im Alltag zu großen Teilen verloren gegangen war, holte ich mir durch meine Texte wieder zurück. Schreiben ist für mich richtungsweisend – ein Vorwärts. Ein Weg zurück zu mir und gleichzeitig hinaus in die Welt.

Und heute?

Heute weiß ich, dass die Krankheit nicht mein Leben zerstört, sondern mich dazu gebracht hat, es neu auszurichten.

Ich gehe heute achtsamer, sanfter, wacher durchs Leben.
Ich bin nicht mehr so streng zu mir.
Ich höre früher hin.
Ich bleibe stehen, bevor ich falle.

Und vielleicht ist es das schönste Geschenk, das ich mir machen konnte:
nicht zurückzugehen zu der Person, die ich einmal war,
sondern die zu werden, die ich schon immer hätte sein dürfen.

Und so gehe ich weiter, Schritt für Schritt – auf einem Weg, der endlich meiner ist.


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